Die Frage nach dem "was uns unbedingt angeht" (Paul Tillich), begleitete mich mein Leben lang. Sie prägte auch meinen Ausbildungsweg als analytischer Psychologe und Theologe. Die Suche nach dieser "Tiefe des Seins" führte mich auf verschiedene Ebenen: In der Analytischen Psychologie wurde mir die Erfahrung einer inneren Weisheit wichtig, die sich in Träumen und Körperwahrnehmungen zeigen kann. Im theologischen Reden machte es mich hellhörig für Bilder und Mythen, die solche tiefen menschlichen Erfahrungen zur Sprache bringen.
Das prägt z.B. meinen Umgang mit leidvollen Erfahrungen: Es kann in einer Therapie nicht einfach darum gehen, Leiden um jeden Preis vermeiden zu wollen, es möglichst schnell mit raffinierten Methoden zum Verschwinden zu bringen. Es geht vielmehr darum, "am richtigen Ort" (C.G.Jung) zu leiden, dort, wo es wirklich hingehört und sich kreativ damit auseinanderzusetzen.
Diese Einsicht ist zwar nicht populär, aber sie findet sich in vielen grossen Mythen der Menschheit: Angefangen bei einer der ältesten Erzählungen dieser Welt, dem babylonischen 'enuma alisch', in der das Entsetzen über die erste bewusste Erfahrung der Sterblichkeit geschildert wird, bis zur Geschichte des Propheten Jona aus dem ersten Testament, der vom Walfisch verschluckt und nach drei Tagen in der Finsternis wieder ans Licht gespeit wird. Gerade der letztgenannte Mythos weist aber auch darauf hin, dass nach einer Zeit der Dunkelheit etwas Neues beginnen kann: In allen ähnlichen Erzählungen, die unter dem Titel 'Nachtmeerfahrt' zusammengefasst werden, schwimmt der Fisch nämlich nach Osten der aufgehenden Sonne, dem aufgehenden Licht entgegen.
Eine deutliche Erfahrung ist mir auch, dass Träume, Imaginationen und Körperwahrnehmungen das bewusste Erleben kompensieren. Sie zeigen die 'andere' Seite: Tendenzen, Entwicklungen und Perspektiven, die mir nur halb oder kaum bewusst sind. Gefühle, Erfahrungen und Gedanken die schlummern oder die verdrängt wurden. Sie sagen sozusagen:"Das gehört auch zu dir" oder "hier könnte in dieser Richtung eine Entwicklung stattfinden" oder "sieh es einmal von dieser Seite an". Diese Tiefe der eigenen Person, die C:G.Jung 'das Selbst' nannte, weiss mehr als wir mit unserem bewussten Ich wahrnehmen und sie zeigt oft ungewohnte, überraschende und hilfreiche Perspektiven. Ob eine Deutung der Symbole aus dem Unbewussten treffend ist oder nicht, entscheidet dabei allein der Klient, die Klientin: Es entsteht so etwas wie ein 'Aha-Effekt': Aha, ja genau, das könnte es sein, das trifft etwas in mir...
Diese Einstellung zum Leben hat auch eine lange philosophische Tradition, die man in die prägnante Formel fassen kann: "werde, die du bist". Im religiös christlichen Kontext heisst das meiner Meinung nach auch: "du darfst sein, der du bist". C.G.Jung sprach im gleichen Zusammenhang von 'Individuation'.